In diesem Fall: Ladenöffungszeiten. Angenommen, ein Land hat etwa 95 Prozent katholische Bevölkerung - ist damit zu rechnen, dass die Läden am Sonntag offen sind? Nein.
Das ist prinzipiell eine Annahme die hier widerlegt wird. Die Läden sind am Sonntag offen. Und gestern etwa war ich bis zehn Uhr abends einkaufen. In den großem Einkaufzentren hier geht das problemlos - und von denen gibt es auch etliche. Ich war bisher in 4 von diesen Monsteranlagen. Die größte in Warschau heißt Arkadia, die sehr bekannte Zloty Terasse oder so (Goldene Terassen, übersetzt). Letztere besticht durch organische Architektur, erstere durch Größe...
Im Arkadia habe bis zehn eingekauft und mir dabei gedacht, ich bin mir nicht sicher was ich davon halte. Wäre ich hier gerne Supermarktkassiererin mit 7-Tagen arbeiten? Oder gibt es eine Höchstarbeitszeit pro Woche oder Änliches? Zumindest aber muss es für normale Arbeiter und Angestellte toll sein, auch problemlos nach 7 abends einkaufen zu gehen. Dann habe ich mich informiert - und siehe da, die deutsche Übersetzung der polnischen Verfassung teilt mir freundlich mit:
Artikel 66
- Jedermann hat das Recht auf sichere und hygienische Arbeitsbedingungen. Wie dieses Recht zu verwirklichen ist sowie Pflichten des Arbeitgebers regelt das Gesetz.
- Der Arbeitnehmer hat Recht auf die im Gesetz bestimmten arbeitsfreien Tage und jährlich einen bezahlten Urlaub. Das Gesetz bestimmt eine Höchstarbeitszeit.
Die tägliche Normalarbeitszeit beträgt 8 Stunden. Nach 6 Arbeitsstunden haben die Arbeitnehmer Anspruch auf 15 Minuten Pause, die als Arbeitszeit zählt. Die wöchentliche Normalarbeitszeit beträgt 40 Stunden, wobei ein Durchrechnungszeitraum von 4 Monaten gilt.
Unter bestimmten Voraussetzungen kann die maximale tägliche Arbeitszeit auf 12 Stunden ausgedehnt werden, allerdings darf die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit in einem festzulegenden Durchschnittszeitraum 40 Stunden nicht überschreiten (Durchrechnungszeitraum hier nur ein Monat).
Also nichts Neues im Osten, nicht wirklich. Meine Soziologiedozentin behauptet gerne, und da stimme ich ihr auch nach allem was ich bisher mitbekommen habe zu, dass die Menschen in Polen inzwischen mehr "Opferbereitschaft" in ihren Arbeitsplätzen aufweisen - was mit dem Einzug des kapitalistischen Wirtschaftssystems nicht nur ein bisschen zusammenhängen kann. Und eine Entwicklung ist, die es überall zu geben scheint, die hier nur schneller von statten geht.
Mit der Perspektive, vermutlich eh keinen Job zu bekommen, und wenn, dann das doppelte an Wochenarbeitszeit in Kauf nehmen zu müssen, wäre auch Kassiererin in einer der hiesigen Malls also eine Lösung. Und nachdem es immer mehr davon gibt, steigen meine Jobchancen auch - sofern ich die Sprache beherrsche.
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