Dienstag, 18. Dezember 2007

Vor-Weihnachten- Beobachtungen

- Lichter am Kulturpalast: Schon von Weitem sieht man die Lichter leuchten. Der Kulturpalast überragt die ganze Stadt und ist auch ohne Weihnachtsdekoration schon nicht zu übersehen, weil in vielen Fenstern Licht ist und/oder er angeleuchtet wird. Jetzt aber sind seine vier Ecken mit Sternen versehen und diese Sternen leuchten, wenn es noch nicht hell ist, also etwa 3/4 des Tages. Um halb vier nachmittags ist es hier dunkel. 

- Karpfen: Im Supermarkt sind sie überall, lebend, in Wasserbecken die sprudeln. Am 24. abends gibt es traditionell ein mehrgängiges Menü (je nach Region und sozialem Status, mindestens 7, normalerweise zwischen 11 und 13 Gänge). Und es gibt kein Fleisch an Weihnachten. Also nur Fisch. Karpfen, um genau zu sein. Er schwimmt von den Becken im Supermarkt über die Station, wo er getötet wird, auf den weihnachtlichen Tisch. Bei 2,7 Millionen Einwohnern in Warschau und angenommenen zwei Fischen (es gibt verschiedene, frittiert, in Suppe etc., je nach Gang) pro Person sind das 5,4 Millionen Karpfen. 
 
- Trammusikanten: Die Schifferklavierspieler in der Tram kommen im Normalfall zu zweit. Einer musiziert, einer sammelt Geld. Das tuen sie immer noch, aber kurz vor Weihnachten gibt es neue Versionen. Nicht mehr der gleich alte Kumpel läuft mit, sondern der 7-jährige Sohn - in Weihnachtsmannkostüm, rot und weiß, mit Mütze. Kindchenschema und Adventsgefühle, eine profitable Mischung wie es scheint. 

Sonntag, 16. Dezember 2007

Heimat

Im fremden Land muss man immer zugeben – ein bisschen fühle ich das zumindest so _ "Ich bin Deutscher." Oder wie ich lieber sage "Ich komme aus Deutschland." Dabei sehe ich mich weder über meine Abstammung noch durch eine geographische Gemeinsamkeit mit einem wie auch immer in einen Schachtel gesteckten deutschen Volk verbunden, denn das ist in jedem Fall ein Konstrukt. Wo ich her komme, das ist kein Ort – höchstens eine Wohnung, ein Zimmer – das ist ein soziales Netzwerk, das mich umgibt, das mich überall umgibt, das da ist, das sind die Wege meiner Kommunikationversuche und die Antworten darauf, mit einer Mitte, mit mir als Ursprung, meinen Gedanken in meiner Sprache, die die Strukturen meines Denkes bestimmt und die nennt man deutsch.

Mittwoch, 12. Dezember 2007

normalerweise - 15 Grad

hat es in Warschau im Dezember. Das zumindest hat mir gestern ein Student von hier erzählt, der der Meinung ist, dass die Erderwärmung den Unterschied macht. Momentan gibt es keinen ersten weißen Schnee mehr sondern nur noch Regen. Der Schnee ist geschmolzen und ich fühle mich definitiv zu warm angezogen.
Deswegen habe ich mir gestern eine neue Jacke zugelegt. Rot. An der Kasse angekommen stellt sich heraus das der Preis nicht drauf ist. Die Frau an der Kasse fragt mich also, was die Jacke kostet. Auf Polnisch. Ich verstehe zuerst nicht. Ich sage ihr, dass ich nicht verstehe, ob sie evtl. Englisch spricht. Sie schaut mich an und wiederholt dann den Satz von vorher - wieder auf Polnisch, aber diesmal schreit sie ihn mir ins Gesicht. Als ob ich mehr verstehen würde, wenn sie laut schreit, was sie vorher gesagt hat.
Ich habe inzwischen erraten, was sie will und schreibe den Preis, von dem ich meine dass er stimmt, auf ein Zettelchen, nachdem ich vorher zwar nicht an der Zahl vor aber an der hinter dem Komma gescheitert bin - wie das verbunden wird, hab ich noch nicht gelernt. Mein Gekritzel bringt wenig, sie ist angenervt und wartet, bis ihre Mitverkäuferin ihr den Preis nennt. Erst dann kann ich meine neue Jacke mit heim nehmen.
Manche Leute in Geschäften und vor allem Milchbars sind hier teilweise unfreundlich. Der polnische Student, der mir von den - 15 Grad berichtet hat, ist der Überzeugung, dass manche Leute netter sein sollten. Vor allem die Älteren. Und er meint, das kommt aus sozialistischen Zeiten: Damals gab es ein Sprichwort, das grob übersetzt heißt, ob du liegst oder stehtst, du wirst das selbe Geld verdienen. Und er hat mir von einer Karikatur erzählt: In der Milchbar gibt die Ausgeberin einem nach dem andren in der Warteschlange sein essen, alle sagen:"Gott segne dich". Nur einer wagt es, lediglich "Vielen Dank" für die Dienstleistung zu sagen.

Donnerstag, 6. Dezember 2007

Streik I: les étudiants

Die Bewegung der Studierenden gegen das Autonomisierungsgesetz – ähnlich dem in Bayern mit dem neuen Hochschulgesetz eingeführten – kennt neben Demonstrationen vor allem ein Mittel: die Blockade. Die Blockade einer Universität ist insofern eine effiziente Maßnahme, weil fünfzig Blockierende, den Rest der Studierenden und die ProfessorInnen am Eintreten hindern können und sie somit zum Streik zwingen. Zuvor wird in einer Assemblée générale (AG) über den Streik beziehungsweise die Blockade abgestimmt. Hier liegt jedoch ein kritischer Punkt: Die demokratisch Legitimitation der Bewegung hängt von der Beteiligung an den Versammlung ab. In einigen der bis zu 60 Universitäten in Frankreich, die sich gegen das Gesetz engagieren, steht die Bewegung auf einer breiten Basis, an anderen, wie auch der Sorbonne in Paris, sinkt die Zahl der Versammelten von AG zu AG.
Die Auswirkungen sind recht unterschiedlich. An der Sorbonne war das Hauptgebäude in den letzten Wochen durchschnittlich einmal die Woche blockiert, an anderen Universitäten beispielsweise in Limoges wurde mehr als zwei Wochen durchgehend gestreikt. Vor der Sorbonne kommt es zu hitzigen Diskussionen zwischen Blockierenden und Studierenden, die in die Universität wollen – gerade in Frankreich wo vor einem Concours, einer Prüfung wo meist nur ein kleiner Bruchteil der Antretenden besteht, ein enormer Druck auf den Studierenden lastet,sind viele Studierende da im Zwiespalt. Grundsätzlich sind aber die Studierenden, wie auch die Lehrbeauftragten zum größten Teil gegen das Gesetz.
Die Maßnahmen der Autoritäten gegen die Bewegung sind – aus deutscher Sicht – radikal. Der Eingang der Sorbonne und die Umgebung ist seit Wochen durch die massive Präsenz der Polizisten im gepanzerten Anzug der Nationalpolizei CRS geprägt. An anderen Universitäten wurden Hörsäle von der Polizei geräumt, an der Tolbiac, einer anderen Pariser Universtiät kam es zu Handgreiflichkeiten zwischen einigen Professoren der Universität, darunter dem Präsidenten und blockierenden Studenten, nachdem der Präsident eine rechtsradikale Gruppe zu Hilfe gerufen hatte, um die Blockade zu brechen.
Insgesamt scheint die Bewegung aber kleiner zu werden, der Widerstand vergeblich gewesen zu sein. Die Folgen des Gesetzes werden die gleichen sein wie in Bayern: schlecht bezahlte Dozenten, Ausrichtung der Fächer an der Universität nach der wirtschaftlichen Verwertbarkeit, also Schließung kleiner Institute mit wenigen Studierenden. Das ist vor allem für eine Universität wie die Sorbonne, die wie kaum eine andere für die Geisteswissenschaften nicht ungefährlich.

Widerstand mit Tradition: Streiken in Frankreich

La grève, der Streik hat in Frankreich lange Tradition – vom Generalstreik 1936 bis zur Bewegung gegen das Gesetz zur Wegfall der Kündigungsschutzs bei jungen ArbeitnehmerInnen im letzten Jahr, wo den Streik begleitend hunderttausende auf die Straßen gingen. Das liegt einerseits daran, dass hier auch die Beamten das Streikrecht besitzen. Andrerseits ist bei den Franzosen – sicherlich geschichtlich begründet ein stärkeres Bewusstsein zu beobachten, was den grundlegenden Gedanken der Demokratie angeht: Die Macht liegt beim Volk. Wer Streiks nicht unterstüzt wird schnell mit "Dann können wir Liberté Egalité Fraternité gleich vergessen!" abgetan.
Im Oktober und November diesen gab es in dieser Hinsicht zwei Schwerpunkte: Die Bewegung gegen das Autonomisierungesetz (Loi de l'autonomisation) der Studierenden und den Streik der Zugführer der städtischen Verkehrsbetriebe zur Unterstützung der Forderungen der Gewerkschaften in den Tarifverhandlungen.